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Freitag, 28 Mai 2021 07:04

Zeitzeugengespräch am Schulzentrum

Am 13.03.2020 hatten das Gymnasium und die Realschule Weingarten die Ehre, zwei Zeitzeugen aus dem DDR-Zeitalter begrüßen zu dürfen. Am Gymnasium wurden unsere Geschichtekurse in zwei Gruppen eingeteilt. In der Gruppe, in der ich war, durften wir den 83jährigen Hanno Schmidt kennen lernen. Er lebt in Coswig in Sachsen, dort arbeitete er als Pfarrer in seiner Gemeinde. Herr Schmidt hat drei Zeitalter des 20.Jahrhunderts miterlebt: Nationalsozialismus, DDR und das wiedervereinigte Deutschland.

Er erzählte uns zunächst aus seiner Schulzeit und wie militaristisch die DDR-Gesellschaft war. Sobald der Lehrer das Klassenzimmer betrat, musste man strammstehen und sich zur Anwesenheitskontrolle melden. Zudem wurde das Militär von klein auf verherrlicht, so diente in Kinderliedern oder Matheaufgaben der Panzer als Beispiel. In der FDJ hatte man farbige Halstücher, wie in der HJ in der Nazizeit, nur dass die damals braune Halstücher hatten statt blau und rot. Das System in der DDR war kommunistisch. Das Problem daran war, man wollte die DDR demokratisch aussehen lassen, aber dennoch unter Kontrolle halten. So kam es dazu, dass sich die SED unter der Führung von Walter Ulbricht zur stärksten Partei machte. Die SED war ein Zusammenschluss aus der ehemaligen KPD und SPD.

Als Student kam Herr Schmidt mit 21 Jahren für ein Jahr ins Zuchthaus wegen „Boykotthetze“ nach Artikel 6 der DDR-Verfassung. Er war mit einem verbotenen Buch von Wolfgang Leonhardt erwischt worden. Anfangs war er in Einzelhaft in einem SED-Gefängnis. Es gab kein fließendes Wasser, kein offenes Fenster und man durfte sich nicht hinlegen. Er wurde öfters für ein Verhör aus der Zelle gebracht. Er betätigte seine Aussagen und musste diese daraufhin unterzeichnen. Hanno Schmidt bemerkte aber, dass die Aussagen falsch waren. Er hatte keine Wahl, er musste sie unterschreiben und bestätigen. Nach 2 Monaten bekam er zwei Zellengenossen. Herr Schmidt konnte aber kein Vertrauen aufbauen, weil es ja sein konnte, dass einer von ihnen von der Stasi war und ihn bespitzeln wollte.

Weiter erklärte Herr Schmidt uns deutlich, wie Wahlen damals abliefen. Es gab sogenannte Einheitslisten mit von der SED gestellten Politikern, welchen man eigentlich nur zustimmen konnte. Wenn man in ein Wahllokal eintrat, nahm man sich zuerst so eine Einheitsliste mit den Kandidaten. Wollte man zur Wahlkabine, musste man durch den ganzen Raum zu ihr laufen. Das war auffällig und unangenehm, an allen vorbei zu laufen. Meistens gab es keine Stifte. Herr Schmidt erläuterte uns, dass man beim ersten Anblick dieser Listen nicht einmal wusste, wie man die Liste ablehnen konnte. Ich war geschockt, als er uns erzählte, wie die Wahlauszähler das Ergebnis immer zugunsten der SED gedreht haben. Zum Beispiel, wenn man ein großes Kreuz über das ganze Blatt gemacht hat, hat man das als Ja-Stimme gewertet, da man ja ein Kreuz gemacht hatte. Aus all diesen Gründen haben die meisten lieber einfach den Zettel genommen und in die Urne geworfen. Für Hanno Schmidt war klar: „ Das ist eine Wahl mit Beschiss!“.
Außerdem gründete er eine Gruppe, die sich „ GUF“ nannte: „ Gerechtigkeit, Umwelt und Frieden“. Die Diktatur der SED war für die Mitglieder der Anlass zur Forderung, dass sich was ändern muss. Die Gruppe überlegte sich, mit welchen Methoden man Veränderung erreicht. Sie stellten sich Fragen wie: „Wie sieht eine Nein-Stimme aus? Wie kann man die Augen der Wähler öffnen?“ Eine Methode war, dass sich die Gruppe bei öffentlichen Versammlungen der SED dazugesellte, den Parteivertretern mehrdeutige Fragen stellte und so versuchte, sie zu überlisten. Der GUF wollte erreichen, dass die Menschen nicht alles akzeptieren, sondern hinterfragen. So erhofften sie sich bei der nächsten Wahl im Frühjahr 1989 in Coswig andere Ergebnisse –   und zählten dennoch ein Ergebnis von 80% für die SED. Am nächsten Tag in der Zeitung stand dann aber ein Ergebnis von 98% für die SED. Der GUF fragte sich: „Wer hat gelogen?“ Sie beschuldigten den Bürgermeister des Wahlbetrugs. Hanno Schmidt machte uns deutlich, wie die Situation damals war: „Von 30 Menschen waren mindestens 3 von der Stasi.“ Auf die Frage, ob man dann überhaupt jemand vertrauen konnte, antwortete er: „Nicht vielen konnte man vertrauen, aber irgendwann war das uns egal. Wir begrüßten jeden Sonntag die Menschen im Gottesdienst, die beruflich da waren.“

Mit der neuen Friedensbewegung des GUF und anderer Gruppen erhöhte sich der Widerstand gegen das kommunistische System. Schmidt war längst kein Unbekannter mehr bei der Stasi. Zu ihrem Friedenssymbol wurde dann „Schwerter zu Pflugscharen“ von einem kommunistischen Bildhauer. Als Mitgründer des „Neuen Forum“ bekam Schmidt im Herbst 1989 viele Zuschriften mit Wünschen und Anträgen, darunter Wahlrecht und Reisefreiheit.

Ich finde es erstaunlich, was Herr Schmidt alles durchlebt hat. Er hat Menschen dazu bewegt, das Richtige zu tun und die Augen zu öffnen. Trotz der Bedrohung durch den Staat und die Stasi hat er sich nicht unterkriegen lassen und für die Freiheit gekämpft.
Der Besuch wurde ermöglicht durch den Verein „Die Brückenbauer e.V.“, der die Kontakte herstellte, und den Jugendfonds Weingarten, der das Projekt auf Beschluss des Jugendgemeinderats Weingarten finanziell unterstützte. Dafür bedanken wir uns sehr herzlich.

Jan Fischer, Klasse 12/Gymnasium Weingarten

Eine Kooperation fand zwischen der Realschule und dem Gymnasium Weingarten statt.

Letzte Änderung am Freitag, 28 Mai 2021 07:09

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